Der Haferlschuh im Wandel der Zeit
Vom Allgäuer Bergbauernschuh zu Marlene Dietrich, von Kaiser Franz Josef bis ins Start-up-Milieu: Wie ein zweihundert Jahre alter Trachtenschuh sich immer wieder neu erfindet – und dabei seinen Charakter bewahrt.
Muss man Schweizer sein, um in den Alpen Urlaub zu machen – oder Allgäuer, um Haferlschuhe bequem und schick zu finden? Natürlich nicht. Das haben nicht nur die praktisch veranlagten Engländer begriffen, die vor hundert Jahren beim Skiurlaub die bodenständigen Alleskönner aus der Schusterwerkstatt von Josef Schratt kennen und lieben lernten. Das halten seither auch zahllose weitere Haferlschuhträger so – die nicht alle das Glück hatten, unter bayerischem Himmel geboren zu sein.
Ein gutes Stück Mittelalter im Schuh
Sehr wahrscheinlich steckt im Haferlschuh nicht nur historische Allgäuer Alltagskultur von 1800. Es hat sich auch ein gutes Stück Mittelalter in diesem Schuh erhalten. Sowohl der schlichte Schaftschnitt aus einem Stück Leder mit Schlitz-Öffnung und angenähter Staublasche als auch die markante Parallelführung der Ledersenkel finden sich bereits bei bäuerlichen Schuhen aus dem 15. und 16. Jahrhundert.
Auch Schuhmacher Franz Schratt mag vor zweihundert Jahren darauf zurückgegriffen haben, als er auf der Suche nach einem „neuen" Schuh letzten Überresten dieser mittelalterlichen Modelle an Allgäuer Bergbauern begegnete. Nur der liebe Gott schöpft aus dem Nichts – findige Menschen profitieren von Inspirationen, die sie sich überall holen. Vielleicht ist es genau dieser Zug der Geschichte, der den Haferlschuh auch für moderne Menschen attraktiv macht.
Vom Bergschuh zur Festtagskleidung
Während Bauern, Jäger und Bergbewohner die Haferlschuhe anfänglich als zweckmäßige Arbeitsschuhe trugen, brachten im 19. Jahrhundert die Urlauber – die nun sommers wie winters ins Allgäu strömten – eine neue Kultur. Auf hochalpinen Kletter- und Bergtouren trugen sie nun feste, benagelte Knöchelstiefel mit besserem Halt. Die Haferlschuhe wurden mehr und mehr zum zünftigen Schuhwerk fürs Leben im Tal – und für die in Bayern zahlreichen festlichen Veranstaltungen.
Dass auch der in Bayern verehrte „Kini" Ludwig II. zu den Haferlträgern gezählt werden darf, ist mehr als wahrscheinlich. Der nicht weniger populäre österreichische Kaiser Franz Josef wurde verschiedentlich im Trachtengewand mit Joppe, Hut und Haferlschuhen abgelichtet und darf als Liebhaber dieses Schuhwerks gelten.
Auch Marlene Dietrich stand auf Haferlschuhen
Dass Haferlschuhe um 1900 endgültig hoffähig und stadtfein geworden waren, zeigt der weitere Verlauf des 20. Jahrhunderts. In den 1920er und 1930er Jahren eroberten sie zusammen mit dem seidenen Couture-Dirndl vorübergehend sogar die exklusive Pariser Damenmode.
Ein handgemachter schwarzer Haferlschuh von der Dietrich hat sich in ihrem Nachlass erhalten – mit eckiger Carréspitze, markanter Zwienaht, derber Sohle und Staublasche. Tiefe Furchen im Oberleder verraten, dass er viel und gerne von der deutschen Film-Diva getragen wurde.
Marlene Dietrich · Salzburger FestspielzeitEine „Art Urschuh" im modischen Aufwind
Zum bayerischen Trachtengewand – wie es auf dem Münchner Oktoberfest und auf Dorffesten mit großem Stolz aufgeführt wird – gehören Haferlschuhe schon lange ganz selbstverständlich. Bemerkenswerter ist das neuere Phänomen, dass der Schuh inzwischen jenseits von Jochspitze, Nebelhorn und Tegernsee im „richtigen Leben" zu sehen ist – und dabei kaum auffällt.
Einer wie der österreichische Liedermacher Hubert von Goisern dürfte damit kein Problem haben. Auch der kratzbürstige Schriftsteller Thomas Bernhard ließ einmal einen Journalisten wissen: „Haferlschuhe habe ich auch gehabt."
Der bayerische Haferlschuh ist „eine Art Urschuh". Als ich ihn bei deutschen Freunden zuerst gesehen habe, habe ich ihn sofort gemocht. Seither trage ich ihn selbst gerne – meist zum schweren Tweedanzug und natürlich immer auf dem Land.
Prinz Asfa Wossen Asserate · Großneffe des letzten äthiopischen KaisersFür alle anderen: In der Stadt ist er aber auch nicht verboten.
Dresscode für weibliche Füße – Klassik im Wandel
Es ist noch nicht so lange her, da gehörten Frauenfüße und Stöckelschuhe – mindestens in der männlichen Vorstellung – so eng zusammen wie Pech und Schwefel. Die Mehrheit der Frauen dürfte heilfroh gewesen sein, als mit Mokassin, Loafer und Dandy-Schnürern im Boyfriend-Style endlich auch flache Schuhe modetauglich wurden.
Richtig spannend wurde es, als in den letzten Jahren Schuhe nicht nur flach sein, sondern auch auf dicken Sohlen stehen konnten, ohne als „Liebestöter" zu firmieren. Diese neue Bodenständigkeit ist befreiend – sie schließt Chic nicht aus, sondern eröffnet mehr Möglichkeiten, weibliche Füße gut, praktisch, vielseitig und attraktiv zu kleiden.
Dirndl bis Business
Haferlschuhe sind nicht gleich Haferlschuhe. Es gibt die geländegängigen Ausführungen aus strapazierfähigem Nubuk- und Fettleder mit griffiger Profilsohle – ideal für Berg, Wandern und Outdoor. Wobei die Klassiker auch im städtischen Umfeld glänzen.
Mehr Leichtigkeit und Eleganz gibt eine Ledersohle. Hier ist unsere schlanke Schönheit „Marie" der richtige Haferlschuh: Der Boden ist dünner, der ganze Schuh dadurch leichter. Auch die rahmengenähte Machart macht die „Marie" schlanker als zwiegenähte Ausführungen – sie begleitet spielend ein Business-Kostüm und Etuikleid.
Haferl 2.0 – höher geschnitten
Unsere Neugestaltungen „Sissi" mit gepolstertem Schaftrand, „Gloria" mit traditioneller seitlicher Schnürung und „Martha" im klassischen Bergschuh-Design sind etwas höher geschnitten und umfassen den Fuß bis zum Knöchel. Das gibt Halt und Schutz und prädestiniert sie für Freizeit mit Bewegung. Zu Hosen aus Tuch, Denim oder Hightechfasern sehen knöchelhohe Schuhe erfahrungsgemäß am besten aus.
Entdecken Sie unsere Haferlschuhe für Damen in schwarz und braun.
Dresscode für Männerfüße
„No brown in town!" – erinnert sich noch jemand an diese Maxime? Tatsächlich gab es Zeiten, in denen ein Gentleman zu Geschäftsterminen ausschließlich schwarze Schuhe trug, idealerweise hochformelle Oxfords. Braune Schuhe waren dem Urlaub und Wochenende vorbehalten. Das ist eine Weile her.
Spätestens seit Erfindung der Casual-Mode in den Sechzigerjahren brachen entspanntere Zeiten an. Die großen Newcomer der letzten Jahre sind der City-Sneaker und die nicht mehr als spießig geltenden Männersandalen. Eine Einladung zu mehr Experimentierfreude an Männerfüßen – und eine prima Gelegenheit zu zeigen, dass Haferlschuhe mehr sind und mehr können als hübsche Folklore.
Traditionell und zünftig
Dass Haferlschuhe auf dem Münchner Oktoberfest zu Hause sind, muss man wohl nicht betonen. Sie passen ebenso zu den typisch bayerischen Bierfesten in der Provinz – mit allem, was dazugehört: Plattln und Tanzen. Aber der bayerische Ureinwohner trägt seine Haferlschuhe auch den Rest des Jahres zu jeder sich bietenden Gelegenheit.
Regiologisch und stilecht sieht man Haferlschuhe in Bayern auch im Alltag, als Begleitung zum Janker und zur Lederhose, sehr gern auch mit Wadlstrümpfen. Aber auch zum Lodenmantel und Wetterfleck – und neuerdings ebenso selbstverständlich zum Parka und zur Goretex-Jacke.
Loden, Leder und Retorte
Spätestens seit Outdoorsportler ultramoderne Hightech-Funktionskleidung zum Trend gemacht haben, tun sich neue Möglichkeiten auf. So tauscht inzwischen mancher Naturbursche seine Trekkingschuhe gerne gegen solide Haferlschuhe. Ein Wagnis? Kaum – die echten zwiegenähten Haferl halten als Begleiter zur Sportkleidung aus Vlies, Softshell, Mesh ebenso mit wie zu Leder und Loden.
Neben unseren Klassikern „Max" und „Ludwig" laden auch unsere neueren Designs wie der höher geschnittene „Richard", der schöne „Artur" und der robuste „Gambrinus" dazu ein, sie einfach mal laufen zu lassen.
Als Bayer in Berlin … oder New York
Da sich Stil und Stil gern gesellt, spricht nichts dagegen, den regionalen Klassiker Haferlschuh auch zur Jeans in allen Varianten zu kombinieren – als dem universellen modernen Mode-Klassiker schlechthin. Die blaue Drillichhose hat schließlich auch mal klein angefangen als Arbeitskluft für nordamerikanische Goldsucher. Dank ihrer Funktionalität hat sie im 20. Jahrhundert eine steile Karriere gemacht und ist im Start-up-Milieu inzwischen sogar business-tauglich. Inspiration genug, Haferlschuhe auch fern der Heimat dort zu tragen, wo Funktion gefragt ist, die stilistisch noch Luft nach oben hat.
Wenn es wärmer wird, ist es noch unkomplizierter: Socken weg und Haferl anstelle von Docksider, Turnschuhen oder anderer Casual-Footwear. Da geht einiges – nur zu billiger Mode sollte man Haferlschuhe niemals tragen. Das beleidigt ihren Charakter.
Klassiker und Neuinterpretationen entdecken
Vom Ur-Haferl Max über die elegante Marie bis zum höher geschnittenen Richard – unsere Modelle für jeden Anlass.
Herren Damen GeschichteMehr zur Entstehungsgeschichte unter Geschichte, zu regionalen Varianten in Regionale Unterschiede, und zur Tradition unserer Manufaktur.